37 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg

37# Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg von 1920

Diese Beiträge werden von der Heimatgemeinde Obergünzburg als gelegentliche Früchte ihrer Arbeit veröffentlicht. Sie sollen in zwangloser Folge fortgesetzt werden.


Der Schwedenkrieg in der Umgebung von Obergünzburg

Aus dem Nachlass des 1818 in Obergünzburg verstorbenen letzten Pflegers der Pflegschaft Liebenthann-Obergünzburg, Freiherrn von Roth, rettete der Marktvogt Gabriel Eggensberger ein Manuskript von 61 Blättern in klein Quart. Der erste Teil enthielt eine Geschichte des Stiftes Kempten und der Stadt Kempten, der zweite ein Tagebuch über die Ereignisse während des Schwedenkrieges in unserer Gegend in den Jahren 1632–1633.

Das Manuskript kam später in die Hände des Landrichters Ignaz Payr, der es 1829 der Pfarrregistratur übergab. Unter Pfarrer Passauer († 1849) erhielt es der Historische Verein zur Benutzung. Das Manuskript, das selbst schon eine Abschrift einer älteren Handschrift war – wohl um 1570 abgefasst und bis 1763 fortgeführt –, ist heute nicht mehr vorhanden. In der Marktregistratur befindet sich nur noch eine unter Pfarrer Passauer gefertigte, etwas gekürzte Abschrift des Tagebuches aus dem Schwedenkrieg.

Das Tagebuch eines Zeitzeugen

Der Verfasser des Tagebuchs war ein Geistlicher aus der Umgebung von Obergünzburg, der als Augenzeuge die schweren Tage erlebte und seine Beobachtungen in sehr kraftvoller Sprache niederschrieb. Ob es sich dabei um den Pfarrer Magnus Anton Megalin von Untrasried handelte, wie Gutbrod in seiner „Geschichte der Pfarrei Obergünzburg“ (S. 95) annimmt, lässt sich nicht eindeutig beweisen. Nach einigen Andeutungen könnte es auch ein Geistlicher gewesen sein, der im Dienst des Stiftes Kempten zu Liebenthann stand, vielleicht im Pflegeamt.

Wir veröffentlichen das Tagebuch erneut, da es heute, nach den schrecklichen Kriegsjahren 1914–1918, noch eindrucksvoller zeigt, was Krieg im eigenen Land bedeutet. Es führt uns vor Augen, welch unsägliches Unglück uns unsere Heere erspart haben. Die heftigen politischen und konfessionellen Angriffe gegen die andersgläubigen Bürger der Reichsstadt Kempten berühren uns heute kaum noch, zeigen aber, wie tief der Spalt war, der damals das deutsche Volk zerriss und den Dreißigjährigen Krieg mit all seinen Verwüstungen auslöste.

Das erste Kapitel des Tagebuchs mit sicher wichtigen Angaben fehlt leider.

Das zweite Kapitel: Der Beginn des schwedischen Mord-, Raub- und Brandkriegs

April 1632:

Nachdem Abt Schenk erwählt, aber noch nicht lange bestätigt war, erhob sich der schreckliche schwedische Mord-, Raub- und Brandkrieg in unserer Region. Am 17. April 1632 kamen vier Kompanien Reiter nach Memmingen. Sofort brach überall große Furcht aus.

Das Stift Kempten samt seinen Untertanen fiel unter den Schutz des Königs von Schweden, der zwar für seine Person ein guter König war, dessen Offiziere und Soldaten aber als wütige Hunde und teuflische Knechte galten. Diese plünderten und brandschatzten mit einer Grausamkeit, die die Nachkommen noch lange fürchten sollten.

Bereits zu Beginn des Monats war eine große Verfolgung im ganzen Schwabenland im Gange. Die Obrigkeit und das Pfaffenhandwerk waren nichts mehr wert. Der Pfalzgraf Augustus nahm Donauwörth, Dillingen und Lauingen im Namen der Schweden ein. Der schwedische Generaloberst besetzte Ulm, Memmingen, Leutkirch, Kempten, Kaufbeuren und Füssen. Lutherische Städte wurden dabei verschont.

Das alte Kloster Kempten, das stets Nachbar der „vergifteten und verfluchten Stadt Kempten“ gewesen war, erlitt das schlimmste Schicksal. Die Stadt Kempten hatte sich mit den Schweden verbündet und sich an der Plünderung des Klosters beteiligt. Die Gottlosigkeit und Verwüstung, die über das Kloster kam, waren so ungeheuerlich, dass selbst schwedische Soldaten über ihre eigene Brutalität erschraken.

Die Kemptener Bürger hatten sich gegen das Kloster aufgelehnt, da Kaiser Ferdinand II. im Jahr 1629 versucht hatte, die Protestanten zu rekatholisieren. Diese Reformbemühungen führten dazu, dass die Stadt mehrmals mit kaiserlichen Soldaten besetzt wurde, worauf die Kemptener in großen Schwur und Hass gegen das Kloster gerieten. Als die kaiserlichen Truppen abzogen, nutzten die Kemptener die Gelegenheit und stürmten das Kloster.

(Fortsetzung folgt.)



37 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg
37 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg
Quelle:  Obergünzburger Tagblatt erschienen am 28.06.1920

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