39 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg

39# Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg von 1920

Diese Beiträge werden von der Heimatgemeinde Obergünzburg als gelegentliche Früchte ihrer Arbeit veröffentlicht. Sie sollen in zwangloser Folge fortgesetzt werden.


Der Schwedenkrieg in der Umgebung von Obergünzburg

Wo damals ein Priester gefangen wurde, musste er entweder ranzioniert (freigekauft), deportiert oder gar hingerichtet werden. Es war eine erbärmliche Zeit. Am Samstag brannten die Schweden in Reichholzried das Pfarrhaus und die Pfarrkirche nieder. Alles, was ihnen in die Hände fiel, wurde zerstört. Unter den Opfern war auch der fromme und standhafte Pfarrer M Udalricus Weinhardt.

Auf dem Weg nach Kempten töteten sie viele weitere Menschen, plünderten die Dörfer, brannten Häuser nieder und jagten ganze Familien fort. Viele ehrliche Leute kamen damals um ihr Leben, ohne dass sie einen Grund dafür hatten, außer, dass sie am falschen Ort zur falschen Zeit waren.

Die Entwaffnung der Bevölkerung

Damit diese Mörder frei und ungehindert rauben und brandschatzen konnten, wurde am Sonntag Exaudi die gesamte Grafschaft entwaffnet. Die Untertanen mussten sich selbst nach Kempten begeben, wo sie unter Spott, Drohungen und Misshandlungen gezwungen wurden, ihre Waffen abzugeben.

Am darauffolgenden Montag rückten die Truppen der Stadt Kempten mit ihren Mördern und Brandstiftern aus. Sie brannten Oy und Haag nieder. Am Mittwoch derselben Woche steckten sie Weitnau in Brand und begannen, das Kloster zu plündern.

Besonders grausam war die Plünderung des Kornhauses: Die Angreifer fanden 11608 Malter Korn vor, das vollständig beschlagnahmt wurde. Die Beute wurde in die Stadt Kempten gebracht, wo sie an die Weberzunft verteilt wurde. So konnten Diebe, Mörder und Brandstifter sich an der Not der Landbevölkerung bereichern.

Weitere Zerstörungen und Raubzüge

Am Donnerstag erreichten sie Günzburg, wo sie 1509 Mann einquartierten und ihre übliche Schreckensherrschaft ausübten. Während ihres Marsches nach Kempten raubten sie Vieh, plünderten Vorräte und setzten Häuser in Brand.

Wer sich nicht unterwarf oder sich wehrte, wurde entweder getötet, vertrieben oder gefangen genommen. Wer auf dem Feld arbeitete oder in der Flucht ergriffen wurde, hatte keine Gnade zu erwarten. Sie rechtfertigten ihre Taten mit den Worten: „Wir haben Befehl, alles niederzumachen.“ Frauen und junge Mädchen wurden geschändet, Männer ausgepresst und gefoltert, um Geld zu erpressen.

Es schien, als sei die Hölle aufgebrochen und die Teufel wären losgelassen worden. Doch es war nicht nur die Grausamkeit der schwedischen Truppen, sondern auch der Hass der Kemptener Protestanten gegen das katholische Stift Kempten, der zu diesen Verwüstungen führte.

Die Flucht der Obrigkeit

Einige Tage zuvor, am Gründonnerstag, floh der Fürstabt mitsamt seinem Kapitel bis nach Romanshorn. Alle Offiziere und Würdenträger des Stifts, die konnten, flohen ebenfalls. Die Verwaltung wurde in die Hände des Herrn von Graffenegg gelegt, der jedoch bald darauf nach Memmingen beordert wurde, um mit dem dortigen Bürgermeister und Landvogt zu verhandeln.

Doch Graffenegg erkannte, dass er der Gewalt der Feinde nicht standhalten konnte, und entschied sich, ebenfalls zu fliehen. Während seiner Flucht wurde er jedoch auf dem Buchenberg von Bauern aufgegriffen, beschimpft, geschlagen und kurzzeitig gefangen genommen. Bald ließ man ihn jedoch wieder frei.

Die Plünderung des Klosters

Nach dem Abzug der schwedischen Truppen fiel das Kloster Kempten in die Hände seiner Nachbarn, die es systematisch ausraubten. Alles, was wertvoll war, wurde beschlagnahmt: Bibliotheken, Kirchenschätze, Heiligenbilder, wertvolle Glocken und zwei Orgeln. Selbst die Küchengeräte wurden mitgenommen.

Besonders wertvolle Gegenstände wurden von den Bürgern der Stadt Kempten beansprucht. Sie zerstörten Truhen, schlugen Möbel ein und verbrannten, was sie nicht mitnehmen konnten.

Im Jahr darauf war die Lage so katastrophal, dass die Bürger kein Holz mehr kaufen konnten, da sie sich bereits aus dem Kloster mit wertvollen Holzmöbeln und Einrichtungsgegenständen versorgt hatten. Sie zerschlugen kunstvolle Holzschnitzereien und Truhen, um daraus Brennholz zu machen.

(Fortsetzung folgt.)



39 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg
39 Ausgabe Kleine Beiträge zur Geschichte von Obergünzburg
Quelle:  Obergünzburger Tagblatt erschienen am 13.07.1920

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